In den Schleusentürmen ergibt sich eine neue Sicht auf Altbekanntes – Bericht in der RNZ

Hirschhorns Neckarstaustufenbauwerk ist die einzige Wehranlage in Hessen, die zwei Stadtteile miteinander verbindet und war beim Denkmaltag stark nachgefragt

Hirschhorn. Zwei Pfeiler des markanten Schleusenbauwerk waren zum bundesweiten „Tag des offenen Denkmalsfür Besucher geöffnet. In diesem Jahr lenkte das Motto „Handwerk, Technik, Industrie“ den Blick auf einen Bereich, der als Teil der Alltagswelt eher selten bewusst wahrgenommen wird. Schleuse und Kraftwerk von Hirschhorn wurden bei der Vorbesprechung der Stiftung Denkmalschutz in Wiesbaden als Beispiel industriellen Erbes mit landesweiter Bedeutung erwähnt; damit stand für Ludwig Schmeisser, Gründungsmitglied des Altstadtvereins und zuständig für die Denkmalpflege, das diesjährige Zielobjekt fest. Es handelt sich um die einzige Wehranlage in Hessen, die zwei Stadtteile miteinander verbindet. Bis 1933 konnte man den Friedhof nur mit der Fähre erreichen; auf der südlichen Neckarseite gab es zu dieser Zeit außer einer Ziegelei nur noch Gärten und Felder.

Architekt Paul Bonatz ließ wegen der Nähe zu Burg und Altstadt die Pfeiler deutlich höher machen als beispielsweise in Gundelsheim. „Wie Wehrtürme“, sagt Ludwig Schmeisser: „er hat das Problem auf großartige Weise gelöst, historisches Ambiente und moderne Technik bilden eine Einheit.“ Im Inneren zeigen sich die Pfeiler noch größer als der Blick von außen vermuten lässt; Maschinen und Technik haben hier ihren Platz, die Fensterfronten hoch über dem Neckar eröffnen eine ungewohnte Perspektive. Neue Sicht auf Altbekanntes, auch im übertragenen Sinn, war ein Ziel dieses Denkmaltages. Die Wehrpfeiler sind normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, entsprechend groß war das Interesse. „Den ganzen Tag über waren alle Vorträge sehr gut besucht“, Reiner Lange, Vorsitzender des Altstadtvereins war hochzufrieden. Neben einer Fotodokumentation aus der Bauzeit gaben Kurzvorträge Einblicke in die Geschichte und die Funktionsweise von Schleuse und Kraftwerk. Mit einem leidenschaftlichen Appell an die Heidelberger Burschenschaften hatte eins Börries Freiherr zu Münchhausen gegen den Neckarausbau argumentiert: eine „Barbarentat“ von fraglichem Nutzen plane der „Seestaat Württemberg“, nur damit die württembergische Industrie billiger an die Kohle komme. Heimatforscher Dr. Ulrich Spiegelberg hat die Geschichte und Geschichten der Schleuse zusammengetragen, die Reiner Lange dem sichtbar faszinierten Publikum vortrug. Erste Ausbaupläne gab es schon 1897, im Zeitalter der Dampfmaschinen waren die Treidel- und Kettenschiffe hoffnungslos veraltet, der Ausbau überlebenswichtig; während der Weltwirtschaftskrise schaffte er Arbeitsplätze. Männer fanden keine Beschäftigung, weil Maschinen weit billiger arbeiteten. Ohne Absprache wurde den verbliebenen Arbeitern der Lohn gekürzt. Am Neckar herrschte Arbeitskrieg: Streik, „auswärtige“ Polizei wurde eingesetzt, etliche Arbeiter landen im Gefängnis, überwiegend Männer aus Hirschhorn, „sonst ganz eifrige und ordentliche Menschen“, vermerkte die Pfarrchronik, die schon die Verschandelung der Landschaft kritisiert hatte. Pikiert vermerkte sie, dass zur Eröffnung am 14. Januar 1933, die Geistlichkeit nicht eingeladen, war, „wohl aber die Kinderschule“.

Noch immer gibt es Bauteile, die seit damals im Einsatz sind, „haltbarer vermutlich als heutiges Material, aber sehr pflegeaufwändig“, sagt Diplom-Ingenieur Uwe Müller vom Wasser- und Schifffahrtsamt. Die gewaltigen Zahnräder werden von Hand geschmiert, sie bewegen die Kette, mit der die Walze bei Hochwasser bis auf Brückenhöhe hochgezogen werden kann. In den Türmen Wehranlage war während des Krieges eine Seidenraupenzucht eingerichtet, die Seide war für die Herstellung von Fallschirmen gedacht. In den letzten Kriegstagen wurde die Brücke über der Schleuse gesprengt, den Führerbefehl, auch die Schleuse selbst zu sprengen, verhinderte Reeder Erich Schuth. Der Übergang wurde noch 1945 notdürftig repariert, 1959 zweite eine zweite Schleusenkammer fertiggestellt. Auch das Kraftwerk war nicht unumstritten.Drei ehemalige Mühlen hatten Hirschhorn bis dahin mit Strom beliefert. Ferdinand Zipp, Enkel des größten Mühlenbetreibers, erinnert sich noch an seine Tante, die mit Block und Stift von Haus zu Haus ging, um die Stromrechnungen zu kassieren, und die ganze Stadt wusste, wann sein Vater ins Bett ging: dann hat er den Schalter umgelegt, damit der überzählige Strom gespeichert würde und kurz flackerten in der Stadt die Lichter: „Ewwe geht der Schneidmühler schloofe“, hieß es.

Für die Beteiligung am neuen Neckar-Kraftwerk musste die Stadt Teile des Stadtwalds verkaufen, eine Investition, die sich gelohnt hat: heute erzeugt das Laufkraftwerk so viel Strom wie 6000 Drei-Personen- Haushalte verbrauchen.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung,

Region Eberbach

Datum: 15.09.2015

Redakteur: Elisabeth Murr-Brück

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