historisch, beschaulich, charmant

Nach neun Jahren wieder Zutritt für Besucher – Artikel in der RNZ

Hirschhorn. (hui) Seit über 20 Jahren gibt es in Deutschland den „Tag des offenen Denkmals“. Mehr als 7500 historische Gebäude und archäologische Stätten, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind, öffneten in diesem Jahr bundesweit ihre Pforten. Auch der Hirschhorner „Mitteltorturm“ war unter der Schirmherrschaft der Stadt zum ersten Mal seit neun Jahren wieder für Besucher zugänglich und erlaubte Streifzüge in das kulturelle Erbe der Vergangenheit. Die „Freunde der Hirschhorner Altstadt“ beteiligten sich mit einer kleinen Ausstellung, die mit Fotos, Bauplänen und alten Postkarten an die Neugestaltung des Marktplatzes mit Marktbrunnen im Rahmen der Altstadtsanierung erinnerte.

 „Begehen auf eigene Gefahr“. Man musste schon sehr vorsichtig sein, um die erste Turmetage auf den sehr schmalen Holzstufen zu erklimmen. Bürgermeister Rainer Sens begrüßte die ersten Besucher, aus Sicherheitsgründen auf 25 limitiert. „Denk mal“, forderte er die Besucher auf, sich mit dem Thema Holz als scheinbar vergänglichem, doch dynamischem Werkstoff auseinanderzusetzen.

Organisator Ludwig Schmeisser, Vorstandsmitglied der Altstadtfreunde, lud ein, in die Welt des Mittelalters einzutauchen und den Dialog von gemauertem Stein und vielfältig bearbeitetem Holz auf sich wirken zu lassen und die kleine Zeitreise zu genießen. Für Fragen zur Ausstellung „Marktbrunnen“ stand Schmeisser bis 17 Uhr zur Verfügung.

In seinem kulturhistorischen Vortrag bezeichnete Dr. Ulrich Spiegelberg den Mitteltorturm als eines der bedeutendsten Gebäude der Stadt. Neben Burg und Ersheimer Kirche sei dieser Teil der Stadtwehranlage eines der wenigen erhaltenen mittelalterlichen Stadttore des Neckartals zwischen Mannheim und Heilbronn, so Spiegelberg. Balkenproben datieren in die Jahre 1393 bis 95. Das Mitteltor besteht aus einem wuchtigen dreigeschossigen Turm. Beeindruckend ist der gotische Baubestand mit den Türmerstuben und ihren Kaminen, die vermauerte Tür, durch die der Wehrgang der Stadtmauer erreicht werden konnte und die Laufrinne für das mächtige Fallgitter, das von einer Öffnung über dem Torbogen mit einer Kette hoch gezogen wurde. Das Tor ziert das Wappen der Stadtherren, zwei Schreck- oder Neidköpfe an den Außenkanten der Mauern sollten Böses von der Stadt fern halten und dem Feind Hohn und Spott zeigen.

Der letzte Hirschhorner Ritter Friedrich von Hirschhorn ließ die Marktkirche 1628 bis 30 als lutherische Stadtkirche an das Mitteltor bauen, da er im Zuge der Gegenreform dem Karmeliterorden die Klosterkirche zurückgeben musste, so Spiegelberg weiter. Der Wehrturm wurde zum Kirch- und Glockenturm, 1730/31 wurde die Marktkirche als katholische Kirche mit neuen Altären eingerichtet.

Eine Turmuhr lässt sich erstmals 1700 nachweisen. Im Laufe der Jahrhunderte musste sie immer wieder repariert werden, stand jahrelang still, bis sie in den 1980er Jahren als Stiftung eines Hirschhorner Bürgers durch ein modernes Uhrwerk ersetzt wurde. Die alte Turmuhr kann man, zusammen mit den schweren Steingewichten für das Schlag- und Laufwerk, im Langbeinmuseum bewundern. Laut Stadtrechnung von 1823 besaß die Marktkirche auch eine Sonnenuhr.

Auch die Glocken des Turms haben eine wechselvolle Geschichte. Die große Evangelistenglocke stammte aus dem Jahr 1631, dazu kamen 1655 die Taufglocke und 1802 zwei kleine Glocken. 1928 wurden drei der Glocken umgegossen. Der Zweite Weltkrieg verschonte das Geläut nicht. Am 3.3.1942 wurden alle Glocken abtransportiert. Im Februar 1952 wurden vier neue Glocken gegossen, Domkapitular Josef Kallfels weihte sie am 22.3.1952 unter großer Beteiligung der Bevölkerung.

Als Stadttor von seltenem Rang

In den 1980er Jahren gab es Überlegungen, den Turm der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, doch aus versicherungstechnischen Gründen war dies nicht möglich. Seit der Sanierung der Innenräume 1998 durch das „Rentnertrio“ Ferdinand Zipp, Josef Jakob und Norbert Flachs können die Räume für einzelne Aktionen und Ausstellungen genutzt werden. Für den „Tag des offenen Denkmals“ 2012 öffnete der Mitteltorturm nach neun Jahren zum zweiten Mal seine Pforten für die Öffentlichkeit. Auch die Klosterkirche öffnete ihre Türen mit Vorträgen von Spiegelberg und musikalischen Beiträgen der Musikschule Hirschhorn.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung,

Region Eberbach Datum: 10.09.2012

Redakteur: Christa Huillier

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